„Lu!“ Ich öffne die Augen, die brennen, weil ich mit meinen Kontaktlinsen rumgespielt habe, damit mir das Weinen leichter fällt. Ich bin übermüdet vom langen Drehtag, mir ist kalt, und ich bin voller Selbstzweifel. Was, wenn die Szene nicht so wird, wie ich sie im Kopf hatte, als ich sie geschrieben hab? Was, wenn ich Lu nicht so darstellen kann, wie sie in meinen Gedanken ist, wenn ich ihre Gefühle nicht darstellen kann und sie wie eine Plastikfigur wirkt?

Ich denke, diese Selbstzweifel hat jeder (möchtegern-) Schauspieler und ich weiß, dass man ohne sie nicht weiterkommen würde. Es bleibt aber schwierig, nicht in Selbstkritik unterzugehen, sondern sie nur im Hinterkopf zu behalten, dort, wo sie auch wirklich nützlich sind.

Durch-drehen

Also spiele ich die Szene so gut wie ich es kann. Die Stimme in meinem Kopf flüstert mir zu, ich sollte hier noch einatmen, mich dort lieber anders ausdrücken, ich kann es besser.

„Und… cut! Drehschluss!“

Ich atme aus, die Gefühle von Lu blättern langsam von mir ab, wie eine Maske, die zerbricht. Ich muss mir einreden, nicht darüber nachzudenken, wie viel besser ich es hätte machen können, sondern auf das zu achten, worauf ich stolz bin. Ja, ich habe Frank Sinatra viermal sehr komisch ausgesprochen, aber das ist nur mir aufgefallen. Ja, ich hätte noch ein bisschen mehr ausdrucksvoll sein können, aber dieser eine Gesichtsausdruck ist mir doch ziemlich gut gelungen. Und die Szene im Kino, die war wirklich gut. Und die Nähe zwischen Lu und ihren Freunden haben wir perfekt dargestellt.

Ich habe jetzt verstanden, was das Wichtigste am Schauspielern ist: nicht aufgeben, nur weil man das Gefühl hat, einer Rolle nicht gewachsen zu sein, sondern weiterkämpfen, selbstkritisch sein, aber nicht nur negative, sondern konstruktive und vor allem positive Kritik an sich selbst auszuüben. Du selbst solltest dein strengster Kritiker, aber auch dein bester Freund und größter Fan sein.

Laura Stimpfl